Lieder basieren auf sogenannten Tonleitern. Die einfachste von ihnen ist die C-Dur Tonleiter (oder parallel dazu für Lieder, die in Moll geschrieben werden, die a-Moll Tonleiter). Töne, die in einem in C-Dur geschriebenen Lied vorkommen, sind i.d.R. auch in der C-Dur Tonleiter vorhanden. Oder andersrum formuliert: Töne, die nicht in der C-Dur Tonleiter vorkommen, sind i.d.R. auch nicht in einem in C-Dur geschriebenen Lied vorhanden. Wie eine C-Dur Tonleiter aussieht, zeigt Abb.1. Eine Tonleiter besteht aus 7 Tönen, danach wiederholt sich die Tonfolge, nur eine Oktave höher.

Abb.1 Die Töne einer Tonleiter (hier: C-Dur)
Abb.2 Akkorde auf den Tonleitertönen

Die Akkorde (Dreiklänge), die in einem Lied vorkommen, bauen genau auf diesen 7 Tonleiter-Tönen auf, indem man die Einzeltöne nach einem ganz bestimmten Schema zu Dreiklängen erweitert (s. Abb.2). Die Phänomenologie der Abendländischen Musik und das damit einhergehende, ganz spezifische Harmonieverständnis ist letztlich Ausdruck für diese bestimmte Art der Akkordbildungen auf den Tonleiter-Tönen. Das durch diese Art der Akkordbildungen entstehende Harmonie-Schema ist für sämtliche westliche Musik identisch, sei es für die Musik von Beethoven, Mozart, Elvis Presley, Deep Purple, U2, Dieter Bohlen oder Nena. Das Schema lautet: In den Dur-Liedern sind die Akkorde auf den Grundtönen der Tonleitern (I) immer Dur-Akkorde, die Akkorde auf den zweiten Tönen (II) der Tonleitern sind immer Moll-Akkorde, die auf den dritten (III) immer Moll-Akkorde, usw. wie in der Abbildung gezeigt. Dieses Schema prägt, wie schon gesagt, unser abendländisches Empfinden für Musik. Es gibt Kulturen, wie z.B. die arabischen oder chinesischen, in denen dieses Schema nicht gilt; auch gibt es bestimmte Harmonieempfindungen im Jazz oder Blues, die dieses Schema zum Teil "verletzen", immer als Ausdruck eines bestimmten Stilmittels für die jeweilige Musikrichtung. Auch gibt es gänzlich anders geartete Zigeuner-Tonleitern, die ebenfalls ihre eigenen Harmonien hervorbringen.

Wieviele unterschiedliche Akkorde kommen i.d.R. in einem westlich geprägten Lied vor? Wenn sich auf jedem Ton der Tonleiter ein Akkord aufbauen lässt, dann ebenfalls sieben. Viele deutsche Volkslieder kommen jedoch mit drei Akkorden (I, IV, V) aus; Weihnachtslieder sind schon komplexer und enthalten in der Regel noch mindestens einen weiteren Akkord aus Stufe II III oder VI. Für viele Menschen ist die Anzahl der unterschiedlichen Akkorde in einem Lied ein Qualitätsmerkmal. Dieter Bohlen wird immer wieder vorgeworfen, seine Lieder bestünden ja doch nur aus drei Akkorden (was nicht stimmt). Man sollte bei solchen Vorwürfen aber vorsichtig sein: eines der schönsten Lieder, die je geschrieben wurden, ist "Lady in Black" von Uriah Heep. Dieses Lied enthält sage und schreibe nur zwei unterschiedliche Akkorde. Welche Akkordfolgen (Kadenzen) sich typischerweise in Liedern nach westlichem Harmonieverständnis ergeben, zeigt Abb.3. Jedoch sind zwei der dort gezeigten Akkorde (D7 und Gis7) für Lieder in C-Dur untypisch, aber sie funktionieren.

Wie geht man vor, will man ein Lied unter Verwendung der zugehörigen Akkorde nicht in C-Dur spielen, sondern beispielsweise in G-Dur? Man transponiert das C-Dur Lied respektive seine Töne und Akkorde ganz einfach um 7 Halbtonschritte hoch oder 5 Halbtonschritte runter. Durch dieses beliebige Erhöhen oder Erniedrigen von Tönen und Akkorden lässt sich jedes in einer beliebigen Tonart geschriebene Lied in eine beliebige andere Tonart übertragen (transponieren).

Abb.3 zeigt durch die Verwendung der stärkeren Strichverbindungen, dass viele Lieder häufig die Akkordübergänge zwischen den Akkorden C(I)-F(IV)-G(V) aufweisen. In einer weiteren musikalischen Komplexität kommt der Akkordübergang C(I)-Am(VI) hinzu.